In letzter Zeit mehren sich wieder die Rufe nach einer Trennung von Kirche und Staat. Was aber genau unter diesem Begriff zu verstehen ist, bleibt noch unklar. Die Forderungen reichen derzeit von einer Abschaffung des Religionsunterrichts oder der staatlichen Feiern mit religiösen Elementen bis hin zu rein finanziellen Überlegungen. Zu all diesen Themen hat die ADR in ihrem Wahlprogramm tragfähige und konstruktive Vorschläge erarbeitet, welche die Interessen aller Seiten, ausdrücklich auch die der Kirchen und Religionsgemeinschaften, ausgewogen berücksichtigen. Sie kann dieser Diskussion also gelassen entgegensehen!

Im Bereich der Finanzierung der Kirchen und Religionsgemeinschaften schlägt die ADR vor, das italienische Modell des “otto per mille” einzuführen. Dies ist ein System, das dem Steuerzahler die Möglichkeit gibt, entweder eine Kultusgemeinschaft seiner Wahl oder aber ein soziales Werk zu finanzieren. Dabei muss die Funktionsfähigkeit der Kirchen und Religionsgemeinschaften erhalten bleiben. Weit dringlicher als die Trennung von Kirche und Staat erscheint der ADR jedoch die Frage nach der Trennung von Kirche und CSV!

In Luxemburg gibt es ein Phänomen, das es in diesem Ausmaß in kaum einem anderen europäischen Land mehr gibt, nämlich die fast bedingungslose Unterstützung der katholischen Kirche für nur eine politische Partei. Während sich die Kirchen andernorts darum bemühen, gute Beziehungen zu möglichst vielen Parteien zu pflegen, ist die luxemburgische katholische Kirche kaum mehr als eine von der CSV unabhängige Einheit zu erkennen. Zu groß sind die Verflechtungen, die ihren sichtbarsten Ausdruck in der Tatsache finden, dass die erzbistumseigene Zeitung tagtäglich seitenweise Gratiswerbung für die C-Partei, bei gleichzeitiger Herabwürdigung derer politischen Gegner liefert. Dies wäre ja noch irgendwie verständlich, wenn die CSV selbst das “C” noch ernst nähme.

Doch ist das “C” für die Juncker-Partei längst nicht mehr Auftrag und Pflicht, sondern allenfalls noch von kulturhistorischem Interesse, so wie es ihr neugebackener Fraktionspräsident erst kürzlich in einem Interview formulierte. Von der Ermöglichung des Euthanasiegesetzes, der bewussten Vernachlässigung der traditionellen Familie über die nun geplante weitere Liberalisierung der Abtreibung bis hin zur Einführung der Homosexuellenehe: die CSV verletzt immer wieder in ihrem Handeln zentrale christliche Werte! Darauf reagiert das Erzbistum nur selten und wenn, dann nur mit einem kaum mehr als symbolischen Widerstand. Für viele Menschen in Luxemburg ist dies unverständlich. Besonders würden sich viele Katholiken eine Kirche wünschen, die überzeugender und entschiedener für ihren Glauben einsteht und die sich weniger beflissentlich vor der Juncker-Partei veneigt.

Assoziierte man vielerorts die katholische Kirche Luxemburgs nicht so sehr mit der CSV, würde die Debatte um das Verhältnis von Kirche und Staat wohl auch ganz anders geführt. Für viele ist ein Angriff auf die Kirche nichts anderes als ein Angriff auf die CSV mit anderen Mitteln. Da die CSV aber so manchem als ein zu starker Gegner erscheint, greift man halt lieber das schwächere Glied in der Kette an. Luxemburgs Kirche steht an einem Scheideweg. Ihre einseitige politische Positionierung hat sie in eine Glaubwürdigkeitskrise gestürzt, ihre Zeitung wurde zur Parteipostille einer schon längst nicht mehr christlichen Partei degradiert. Auf den zukünftigen Erzbischof warten wichtige Entscheidungen!

Fernand Kartheiser, Abgeordneter

Dieser Artikel erschien im “Lëtzebuerger Land” in der Rubrik “Zu Gast im Land” am 25. März 2011