Die grausige Bluttat in Norwegen hat erwartungsgemäß all jene auf den Plan gerufen, die in schöner Regelmäßigkeit vor einem aufkeimenden Rechtsradikalismus in Europa warnen und in ihrem Übereifer dabei nicht selten das Kind mit dem Bade ausschütten. Dazu gehört in der gleichen Regelmäßigkeit, die luxemburgische ADR mit der deutschen NPD und dem französischen „Front national“ in einen Topf zu werfen.

Abgesehen davon, dass derartige Greueltaten immer auf einem gravierenden Manko an Zuwendung und Geborgenheit in der Kindheit der Einzeltäter beruhen, ist es auch in diesem Fall abwegig, den verworrenen Theorien eines Breivink ernsthafte Beachtung zu schenken. Wie erfahrene Psychologen bestätigen, schreit das Ego dieses Menschen nach Beachtung und Anerkennung. Er hat er ein ungestilltes Bedürfnis, in die Geschichte einzugehen, was ihm umso mehr glückt,je mehr man sich mit seinem Pamphlet beschäftigt.

Damit soll keineswegs abgestritten werden, dass wir in Europa und damit auch in Luxemburg erheblichen Problemen im multikulturellen Miteinander gegenüber stehen, die ihre Ursache in einer mangelhaften Integrationspolitik haben. Wer allerdings glaubt, die betreffenden Probleme dadurch lösen zu können, dass er sich einen Heiligenschein anheftet und alles verteufelt, was nicht mit dem derzeitigen linkslastigen Mainstream konform ist, leistet der Sache keinen Dienst, sondern trägt langfristig nur zur Verschärfung der Lage bei.

Die offene und kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Entwicklung gehört nun einmal – gottseidank – zum Grundwesen der Demokratie. Wer dieses Prinzip dadurch untergräbt, dass er all jene, die sich nicht stromlinienförmig verhalten, in die fremdenfeindliche und rechtsradikale Ecke verfrachtet, ist kein Demokrat, sondern praktiziert eben das, was er seinen Gegnern vorwirft, nämlich Ausgrenzung und Unterdrückung. Genau das aber ist Gift für die Bewältigung der betreffenden Probleme und Humus für das Gedeihen von Fremdenfeindlichkeit.

Wann bringen wir in Luxemburg endlich den Mut auf, uns offen mit unseren selbstverschuldeten Problemen auseinander zu setzen, wobei der Akzent weniger auf der ethnischen und kulturellen Ebene liegt, als auf der chronischen Unfähigkeit, die Immigrantenkinder so in unser Schulwesen einzubinden, dass sie die gleichen Erfolgschancen haben wie ihre Mitschüler aus luxemburgischen Familien? Hier liegt das Grundproblem einer mangelhaften Integration und der Sprengstoff für künftige Konflikte mit ungewissem Ausgang.

Wieso gelingt es nicht, unsere ausländischen Mitbürger ausreichend für die Gemeindewahlen zu mobilisieren? Ist dies nicht auch der konkrete Ausdruck einer bislang gescheiterten Integrationspolitik? Der sichtbare Beweis für das tägliche Nebeneinander statt eines gelebten Miteinanders?

Wieso werden diejenigen systematisch beschimpft und verunglimpft, die sich für das Luxemburgische als gemeinsame Umgangssprache einsetzen, wohlwissend, dass nichts mehr verbindet, als eine gemeinsame Sprache?

Die sehr durchsichtigen parteipolitisch motivierten Angriffe auf die ADR anlässlich der schrecklichen Ereignisse in Norwegen haben der Sache der Integration und des guten Zusammenlebens hierzulande mutwillig Schaden zugefügt. Stattdessen wäre es angebracht, sich mit den tieferen Ursachen einer mangelhaften Integration und deren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen auseinanderzusetzen.

Das aber verlangt große Anstrengungen, vor allem in bildungspolitischer Hinsicht. Herausforderungen, denen bisher noch keine Regierung gewachsen war.

Roby Mehlen, ADR-Nationalpräsident

Dieser Artikel erschien im “Lëtzebuerger Land” in der Rubrik “Zu Gast im Land” am 17. August 2011